Brautpaar formt Herz mit Händen

vom Decodieren von Fotografien oder vom Foto zu seiner Bedeutung.

Dieser Ab­schnitt soll Les­enden helfen Foto­graf­ien bewus­ster und bes­ser als Kom­mu­ni­kat­ions­mittel ein­zu­setzen. In der Praxis müs­sen teils, die zu einer Bot­schaft pas­sen­den Fotos aus einer Kol­lekt­ion aus­ge­wählt werden. Teils muss ein Bild für eine be­ab­sicht­igte Bot­schaft in­sze­niert werden.

Hier­zu werden Er­kennt­nisse der Sozio­semiotik (eng. social semiotics) ge­nutzt, die unter­sucht, wie Men­schen, im Ge­brauchs­kontext von Situat­ion, Gesell­schaft und Kultur, Zei­chen ver­steh­en. Sozio­semiotik ist ein Teil­gebiet der Sem­iotik. Die Sem­iotik be­schäftigt sich mit der Be­deut­ungs­ent­schlüssel­ung von Zei­chen.

Das Wort Zei­chen wird hier ver­wendet, als etwas das auf etwas anderes hin­deutet, also etwas be­zeich­net oder für etwas steht. Ein Bei­spiel: das Wort "Katze" be­zeich­net ein Tier, näm­lich eine Katze, ist selbst aber keine Katze, sondern ein Wort. Ebenso ist das Foto einer Katze keine Katze, es en­thält je­doch ein Ab­bild einer Katze und damit ein Zei­chen für eine Katze. Ist die Katze das Haupt­motiv des Fotos, ist das Foto selbst ein Zei­chen für eine Katze.

Foto­gra­fien sind Zei­chen und ent­halten Zei­chen.

Analyse eines Bildes

Das dem Ab­schnitt vor­an­ge­stellte Foto ist ein Public Domain Foto, her­unter­ge­laden von pixabay.

Im Foto er­ken­nen Kundige sofort ein Braut­paar. Die Braut steht vorn und bildet mit ihren Händen ein Herz. Der Bräutigam steht da­hinter, um­greift mit beiden Armen ihre Taille und um­fasst mit den Händen, eben­falls ein Herz bildend, das von ihr ge­bild­ete Herz.

Das Herz sym­boli­siert die Liebe des Paares. Das Foto kann als Zeichen für das Konzept “Liebesheirat“ stehen und tat­säch­lich wird es viel­fach so im Web verwendet, z. B. von Rest­aurants, die sich damit als Ort für Hoch­zeits­feiern em­pfehlen.

Bild-In­sze­nier­ungen die Kon­zepte dar­stel­len, werden kon­zept­ion­elle Bilder ge­nannt. Men­schen in kon­zept­ion­ellen Bil­dern, sind nicht als In­divi­duen interes­sant, son­dern stehen aus­tausch­bar für ein Ko­nzept. Kon­kret im Bild für die Konz­epte „Braut“ und “Bräutigam“ oder gemein­sam für das Kon­zept “Brautpaar“. Da die ab­ge­bild­eten Per­sonen im Bild nur als Proto­typen auf­treten, werden sie ihres Ge­sicht­es – und damit ihrer In­divi­dualität – be­raubt ab­ge­bildet.

Kon­zept­uelle Bil­der mit Men­schen haben oft auch nar­rativen Charakter. Nar­rative Bil­der er­zähl­en eine Ge­schichte. Ihr Kenn­zeichen ist, dass die in ihnen ent­halt­enen Ob­jekte inter­agieren. Menschen in Bil­dern intera­gieren durch Blicke, Gesten, Körper­haltung, Mimik, Be­rühr­ungen, Hand­lungen.

Eine Bilder­suche nach „Brautpaar, Hände, Herz“ im Web zeigt, dass das Herz­symbol häufig auch, je zur Hälfte von einer Hand von Braut und Bräu­tigam ge­bild­et wird. Diese Geste be­in­haltet einen Hin­weis auf Gleich­be­rechtig­ung in der Part­ner­schaft. Im vor­an­ge­stellten Foto kann das Um­schließen der Hände der Frau durch die des Mannes, symbo­lisch als be­schütz­end ge­deutet werden. Genauso gut kann es jedoch auch als ein­zwängend und unter­drückend gedeutet werden und bei Frauen negative Emotionen aus­lösen.

Ein weiteres Detail, das das vor­an­ge­stellte Bild nicht zum idealen Zeichen für hetero­sexuelle Liebes­heirat macht, sind die langen Daumen­nägel des Bräut­ig­ams. Europäer könnten daraus ab­leiten, dass es sich bei dem Bräut­ig­am nicht um einen Mann handelt. Nun stammt das Bild von einer viet­nam­es­ischen Foto­grafin aus Hanoi und lange Daumen­nägel sind bei Männern in Asien nicht so un­üb­lich wie in Europa. Sie können ein Zeichen dafür sein, nicht körper­lich ar­beiten zu müssen.

Ob­wohl es leicht fällt aus einem Foto eine Be­deut­ung her­aus­zu­lesen, ist es auf­grund fehl­ender Ein­deut­igkeit bild­licher Aus­sagen schwer, die Viel­zahl mög­licher Rezept­ionen eines Bildes ab­zu­schätzen. Auch ist es nicht leicht, selbst ein Bild mit einer be­absicht­igten Bot­schaft zu ent­wer­fen.

Es fällt auf, dass im Bild Kopf und Beine fehlen. Im Zentrum sind die Hände der Be­teil­igten – eine Remini­szenz an Albrecht Dürers „Betende Hände“. Das Fehlen der Köpfe signal­isiert, es geht nicht um ein be­stimm­tes Paar, sondern um ein Prinzip, z.B. um das Prinzip der auf Liebe ge­gründ­eten Heirat. Im Weg­lassen von Körper­teilen re­duzieren sich mögl­iche Re­zept­ionen. Das Bild wird auf seine wesent­liche Aus­sage re­duz­iert.

Dass es sich bei dem Paar um ein Braut­paar handelt, er­kennt man nur am Braut­kleid, ver­stärkt durch den im Hinter­grund er­kenn­baren Schleier. Der Ärmel des schwarzen Jack­etts und des weißen Hemdes ver­neinen dies nicht. Sie alleine wären aber als Zei­chen für ein Brautpaar nicht aus­reich­end.

Es las­sen sich leicht mehrere Zei­chen er­ken­nen: mensch­liche Hände, Arme, Torso einer Frau, Arm­reif, Arm­ban­duhr, Braut­kleid, Anzugs­jacke, Hemd, ein aus Händen ge­formtes Herz.

Alle Zei­chen, aus­ge­nommen das Herz sind ikono­grafische Zei­chen, so­genann­te Ikons. Ein Ikon (griech. Bild) ist ein Zei­chen das dem Ob­jekt auf das es ver­weist ähn­lich ist.

Das mit den Händen ge­bildete Herz, ist ein Symbol. Die Form ist der wirk­lichen Form eines Herzens nicht all­zu ähn­lich. Symbole sind Zei­chen die dem Ob­jekt auf das sie ver­weisen be­liebig zu­ge­ordnet sind. Auch andere Formen wären als Symbol für das Herz möglich. Eine Form wird da­durch zum Symbol, dass sie gesell­schaftlich ver­ein­bart ist. Die, die das Symbol mit den Händen formen wis­sen, dass die, die es sehen es als Herz er­kennen. Dies funktion­iert nur dann, wenn das Symbol er­lernt wurde.

Es ge­nügt je­doch noch nicht die Form als Symbol für ein Herz zu er­kennen, um dem Bild die ge­wünschte Be­deut­ung zu­zu­ordnen. Zu­sätz­lich müssen Be­tracht­ende wissen, dass das Herz meta­phor­isch für Zu­neig­ung, Ge­fühl und Liebe steht. Das Herz als Organ ein Gegen­stand, wird mit dem ab­strakten Begriff Liebe ver­knüpft und damit ist auch Liebe gegen­ständlich dar­stell­bar.

Neben Ikon und Symbol, gibt es eine weitere Art von Zei­chen näm­lich den Index. Ein Index ist ein Zei­chen, das in Ver­bind­ung mit einem Ob­jekt auf­tritt und des­halb auf ein Ob­jekt hin­weist. Ein Beispiel ist Rauch, der ein Index für Feuer ist. In ob­igem Bild ist das Braut­kleid ein Index auf eine Braut, da die Frau, dar­ge­stellt durch ihren Torso sonst nicht als Braut er­kenn­bar wäre.

Fotos können in nar­rative- und kon­zept­ionelle Fotos ein­ge­teilt werden. Ein Narrativ ist ein Foto über das Be­tracht­ende eine Gesch­ichte er­zäh­len können. Narrative Fotos er­kennt man daran, dass eine Hand­lung im Foto dar­ge­stellt ist oder dass im Foto ent­haltene Zeichen inter­agieren. Kon­zept­ionelle Fotos stellen eine Vor­stellung (im Sinne von Idee) dar.

Im obigen Bild sind Zei­chen die auf zwei Menschen ver­weisen ent­halten, welche über Arme und Hände inter­agieren. Be­tracht­enden können auch leicht eine Ge­schichte zum Bild ent­werfen. Das Foto kann folg­lich als narra­tives Foto be­zeich­net werden.

Es hat je­doch auch kon­zept­ionelle Züge und könnte als ein Bild für das Konzept: Liebes­heirat stehen. Ein Merk­mal konzept­ioneller Bilder ist, dass dar­ge­stellte Ob­jekte nur als Aus­präg­ungen von Klassen von Be­deut­ung sind.